Regina fuhr mit ihrer Hand über die grobe Rinde der falschen Akazie. Die Baumart wurde auch Robinet genannt und zeigte jetzt, Ende Mai, zarte weisse Blüten. Sie fand den Kontrast zwischen den feinen, kleinen Blumen, die sich fast scheu hervorwagten und der senkrecht neben- und übereinandergestaffelten Rindenstreifen der Stammoberfläche erstaunlich. Sie machte immer noch den Baum betrachtend einige Schritte zurück. In diesem Moment flog ein Gartenläufer heran, umkreiste einige Male den Stamm und landete schliesslich auf dessen oberen Hälfte und begann an der Rinde herumzupicken. Aus was seine Beute bestand, konnte Regina nicht sehen. Bald flog der kleine Vogel wieder auf und machte in gleicher Weise Drehungen um einen Baum, der wenige Meter neben der Akazie stand. Regina setzte ihren Weg fort. Ein Kohlrabe fiel ihr auf, der zielbewusst ein scheunenartiges Gebäude anflog, dort kurz landete und nach wenigen Sekunden mit einem Buttergipfel im Schnabel wieder dorthin verschwand, von wo er gekommen war. Wahrscheinlich wollte er damit seine Jungen füttern. Regina bemerkte, dass im weit offenen Scheunentor einige Kisten mit alten Backwaren aufeinandergestapelt waren. Der schlaue Rabe hatte sich da eine gute Bezugsquelle auskundschaftet.
Regina lief jetzt in einem leichten Trott über den schmalen Uferweg neben dem Fluss. Sie hörte das Geräusch ihrer auftretenden Füsse in den Joggingschuhen. Es erinnerte sie an das Getrampel von Huftieren. Sie freute sich, dass sie nun nach einigen Wochen Training ohne grosse Anstrengung vorwärtskam. Sie liess es einfach laufen und genoss es, dass sie sich auf ihren Körper verlassen konnte. Er wusste, was er zu tun hatte und er schien froh zu sein über seine Freiheit und ihr Vertrauen. Als ob er ihr danken wollte für ihre Grosszügigkeit bewegte er sich locker, leicht und stark. Die Gleichmässigkeit der Schritte und die Unangestrengtheit des ganzen Ablaufes setzte Regina in Begeisterung. Das tat ihr so gut. Sie gab sich nur dem Rhythmus hin und sonst gab es für sie nichts zu machen. Von Zeit zu Zeit atmete sie tief ein, sie beschnupperte die kühle Luft, die immer wieder ein wenig anders roch, sie liess die Augen über die satten Grüntöne schweifen, aus der die Landschaft nun bestand. Sie erhielt so viel, wenn es ihr gelang ihre Aufmerksamkeit ganz für den Moment zu sammeln. Es verblüffte sie, wie wenig es brauchte, wie einfach es wurde und wieviel sie bekam. Vorausgesetzt, sie war offen, sie war aufnahmefähig. Dann gab es einen Austausch, mit der Luft, dem Boden, der Natur, der Landschaft. Mit jedem Schritt gab sie ab, mit jedem Schritt bezog sie etwas. Eine Kraft, die ihr half, aufrecht zu bleiben, sich frei zu fühlen, Mut zu fassen. Und Mut benötigte sie. Das war zurzeit das dringlichste Gut, das sie mehr als alles andere brauchte. Wo ist Mut zu haben, wo gibt es Mutquellen, Mutspender? Sie würde sofort ihren Becher hervorziehen und Mut anzapfen. Das hatte sie gelernt in den letzten Monaten. Eine bisschen Aktivität ihrerseits war notwendig, auf nichts kommt nichts, wird ja gesagt. Sie musste handeln, den Becher hervornehmen, in Bewegung kommen, die Stimme gebrauchen, sich zu einem Ort begeben. Eine bescheidene Geste konnte etwas in Gang setzen. Vielfach oder allermeistens war nichts voraussehbar. Es war nicht erkennbar, ob etwas entstehen würde. Unter Umständen wurde mit einem leichten Antupfen eine grosse Wirkung erzielt. Ebenso konnte eine grosse Anstrengung ins Leere zielen. Regina kannte dies gut. Jahrelang hatte sie sich bemüht und insgeheim erwartet für ihren Krampf ausgiebig belohnt zu werden. Es war nicht so gekommen. Mit fünfzig stand sie nicht dort, wo sie sich selber in ihren Tagträumen gesehen hatte. Weder Harmonie, noch Fülle, Zufriedenheit, Sicherheit, Liebe umgaben sie. Sie war nicht in einem üppigen Garten angekommen, wo sie sich geniesserisch in einen Lehnstuhl setzen und sich ausruhen konnte. Die Seelenlandschaft war karg geworden. Die Kargheit hatte ihren Reiz. Von ihr ging eine Vertrautheit aus, eine Anziehung, fast ein Sog. Aber dies galt nur für einen Teil von ihr. Ein Teil ihres Selbsts verkümmerte dabei. Diesen Teil wollte sie nicht aufgeben. Er war wichtig, er gab ihr Sinn, Hoffnung, Freude. Also machte Regina sich auf, diesen Teil in ihr zu nähren. Langam erholte sich das zarte Pflänzchen, es wurde stärker und brachte sich immer mehr zur Geltung. Regina war dankbar für das Leben, das in ihr erwachte und sich regte. Auf dieses Erwachen und Gedeihen richtete sie nur ihr Auge. Diesen Fokus wählte sie, wenn sich uralte Erwartungen und uralte Enttäuschungen hervortun wollten. Mit einer verständnisvollen Geste strich sie das Alte auf die Seite. Es hatte kein Recht mehr immer im Mittelpunkt zu stehen. Es war an ihr, zu entscheiden, mit was sie sich beschäftigen wollte und nicht an den verschiedenen Geistern, die sie im Laufe ihres Lebens als Gäste bei sich aufgenommen hatte. Ihre Macht war zu gross geworden, ihr Selbst war stark genug geworden, um ihnen den Platz am Rand zu gewähren, den ihnen zustand. Die Antreiberin, die Gierige, Frustrierte, die Verklemmte....Sie liessen sich nicht einfach vertreiben, sie pochten auf ihre Rechte. Regina lernte mühevoll, dass sie sie tolerieren konnte. Es hatte keinen Wert, ihnen Widerstand zu bieten. Diesen genossen sie, da er ihnen Bedeutung gab und er sie noch kämpferischer und wichtigtuerisch machte. Liebevoll eingrenzen, hatte sie herausgefunden, war viel mehr der Weg. Manchmal stellte sie sich das alle bildlich vor. Die vorwitzigen, besserwisserischen alten Gestalten, die auf ihr Gewohnheitsrecht bestanden und daneben die zarten Pflänzchen, die sich endlich ans Licht getraut hatten. Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Sie war da, sie wollte dafür sorgen, dass nichts unterdrückt und nichts überhand nehmen konnte.