Meine Urgrossmutter hiess Anna. Für mein Empfinden ist dies einer der schönste Frauennamen, die ich kenne. Anna - Anna Sager war ihr voller Name. Ich weiss in welcher Gegend sie gelebt hat, kenne ihren Familiename, ihren Beruf und ihre Mutterschaft, der meine Grossmutter ihr Leben verdankt, die wiederum meine Mutter gebar, die schliesslich mich auf die Welt brachte. Dazu kommen Andeutungen meiner Mutter. Daraus ist bei mir eine Vorstellung von der Urgrossmutter gewachsen. Sie ist lebendig geworden für mich und es dünkt mich, ich könnte eine Verbindung zu ihr spüren. Es gab immer wieder Zeiten, wo mich meine Urgrossmutter stark beschäftigte. Eine Zeitlang habe ich mir sehr gewünscht, Annegret zu heissen. Dabei dachte ich nicht an meine Urgrossmutter. Trotzdem hatte dieser innige Namenswunsch vielleicht etwas mit meiner Urgrossmutter zu tun. Anna, der Name birgt für mich Nachdruck, Geschlossenheit, Anmut, Gefühlstiefe.
Früher war ich überwältigt vom Schicksal meiner Urgrossmutter. Ihr Leben verlief so, weil sie in diese Zeit und diese Umstände hineingeboren worden war, belehrte ich mich selber, um mich zu beruhigen. Ich war überzeugt davon und froh darüber, dass meine Aussichten besser waren. Jetzt, wo Schicksalshaftigkeit einen anderen Inhalt hat für mich als früher, schaue ich mit anderen Augen auf ihr Leben.
Anna Sager war Schneiderin von Beruf. Ich sehe sie als Störschneiderin, die seit einigen Jahren ihren Kundenkreis hatte, den sie jedes Jahr ungefähr zur gleichen Zeit aufsuchte. Sie wurde gewöhnlich von der Hausfrau auf diesen Zeitpunkt erwartet, um ihr Aufträge, Kleider zu ändern oder neue zu nähen, zu erteilen. Ich sehe sie vor mir, wie sie mit zügigen Schritten, einen Korb mit ihrem Berufswerkzeug am Arm, auf ein Bauerhaus zugeht.
Anna war inzwischen dreissig Jahre alt. Hochgewachsenen, schlank, stets dunkel gekleidet, mit schnellen Bewegungen und einem blassen Gesicht stelle ich sie mir vor. Ihr Wesen war freundlich und offen. Im Umgang mit Menschen verhielt sie sich würdevoll und es war spürbar, dass sie für sich einstehen konnte, falls jemand es ihr gegenüber an Achtung fehlen liess.
Anna trug schlichte Kleider, die aus gutem Stoff und schön verarbeitet waren. Die braunen, gelockten Haare waren im Nacken zusammengebunden und zu einem kleinen Knoten gesteckt. Ihre Haare liessen keine strenge Frisur zu. Ueberall lösten sich widerspenstige Naturlocken und umrahmten weich ihr eher rundliches Gesicht. Die meisten ihrer Kunden lebten auf Bauernhöfe. Daneben besuchte sie ein paar wenige Geschäftshaushalte und einen Arzthaushalt. Von diesen Menschen wurde sie vor allem als Schneiderin wahrgenommen, an die Wünsche und Erwartungen gestellt werden konnten und die tüchtig und unaufdringlich ihre Aufgaben erledigte. Es war für selbstverständlich geworden, diese Funktion zufriedenstellend zu erfüllen. Sie wusste, ihre Kundinnen waren froh um ihr Auftauchen aber es gab auf beiden Seiten kaum Bedauern, wenn sie nach einigen Tagen Näharbeit das Haus wieder verliess. Sie war ein Teil des äusseren Kreises, dort wo es weder viel Aufmerksamkeit noch grosse Abhängigkeit gab. Wie die Zugvögel, die wilden Narzissen im Frühling oder die ehemalige Magd, die jetzt im Nachbardorf lebte, gehörte sie dazu aber sie war für niemanden lebenswichtig.
Anna erzählte wenig von sich und es wurden ihr keine Fragen gestellt über ihre Herkunft und ihr Leben. Es war offensichtlich, dass sie darauf angewiesen war, für ihr Leben aufzukommen. Mit ihrem eher zurückhaltenden Auftreten und ihrer selbständigen, überlegten Art, lag die Vermutung nahe, dass sie wohl einer achtsamen, kinderreichen Familie entstammte. Dass sie eine Bauerntochter, die schon als Mädchen harte Arbeit kennengelernt hatte und seit je gewusst hatte, dass der kleine Bauernhof zu wenig Ertrag für alle Geschwister bringen würde, machte ihr zupackendes, mitdenkendes Gehabe deutlich.
Anna hatte in den vierzehn Jahren, die sie auf dem Bauernhof verbracht hatte, wie alle anderen Bewohner für die kleine Gemeinschaft ihren Beitrag geleistet. Sie hatte ihre jüngeren Geschwister beaufsichtigt und überall mitgeholfen. Es war ein entbehrungsreiches, hartes Leben, es gab aber auch Freuden und Genuss. Der Hof war sehr schön gelegen. Ganz nahe beim Bauernhaus mäanderte ein Bach vorbei. An seinem Ufer wuchsen verschiedene Bäume und Sträucher und eine grosse Vielfalt an Blumen. Der Bach zog die Aufmerksamkeit aller auf dem Hof immer wieder auf sich und prägte das Leben von jung und alt. Der Wasserstorm, der unaufhörlich durch ihre Wiesen floss, zeigte ihne vieles, zum Beispiel, dass es eine Welt ausserhalb des Hofes gab. Das Wasser hatte eine Wegstrecke hinter sich, wenn es hier ankam und es hatte noch viele Erlebnisse vor sich. Es erinnerte die Menschen an die Weite der Welt, die Wunder und Kräfte der Natur und die Vergänglichkeit. Der Bach offenbarte ihnen Einsichten und Schönheiten, die in ihren Seelen, auch wenn sie sie nicht bewusstwahrnahmen, Spuren, Eindrücke und Bilder hinterliessen.
Anna war als Kind viel draussen. Wie die Eltern achtete sie auf den Wechsel der Jahreszeiten und beobachtete die Veränderungen in der Natur. Ihre Eltern liebten ihren Hof. Alles was dazu gehörte, stand unter ihrem Schutz und lag ihnen an Herzen. Da sie gläubige Menschen waren, vertrauten sie auf eine Macht über ihnen, es gut mit ihnen meinte. Sie pflegten, bebauten und ernteten die ihnen anvertraute Erde. Ihre Kinder behandelten sie wie alles auf dem Hof mit Sorgfalt und ohne viel Aufheben. Niemand wurde besonders beachtet, niemand wurde vergessen. Alle fühlten sich aufgehoben und geborgen auf diesem Flecken Erde.
Anna war ein glückliches Kind. Sie hatte ihre Pflichten und ihre Freiheiten. Wenn sie zeitweise umgeben von ein bis zwei Geschwistern ganz in ein Spiel vertieft am Bach weilte, liess ihre Mutter sie gewähren. Die Arbeit, die sie Anna hatte übertragen wollen, erledigte sie lieber selber. Sie ist noch ein Kind, dachte die Mutter vielleicht bei sich und sie hatte Respekt vor der Inbrunst, mit der ihre Kinder spielten. Sie selber war eine Frau, die ein Mass an Freiheit brauchte, es auch gefunden hatte und es nun ausschöpfte. Ihr Mann und sie waren Partner mit zugeteilten Aufgaben, die sich aufeinander verlassen konnten. Da sie ihren Freiraum hatte, konnte sie ihn anderen zugestehen.
Kurz bevor Anna vierzehnjährig wurde, kam eine entfernt Verwandte auf dem Hof vorbei, die eine kleine Schneiderwerkstatt in der nahen Kleinstadt betrieb. Sie bot der Mutter an, Anna zur Schneiderin auszubilden. Die Eltern waren sich sofort einig, dass dieser Vorschlag Anna auf einen guten Weg leiten könne und sie sagten zu. Es kam niemanden in den Sinn, Anna um ihre Meinung zu fragen.
Drei Tage nach dem Ende der Schulpflicht packte Anna ihre wenigen Sachen zusammen und machte sich zusammen mit der Mutter auf den Weg nach Willisau. Anna genoss es, dass sie in den letzten Tagen mehr Beachtung von der Mutter bekam als sonst und hatte vermehrt ihre Nähe gesucht. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es sein würde ohne ihre Familie zu sein. Würde dieser Verlust nicht schrecklich wehtun? In ihr wirbelten die Gefühle durcheinander. Immer wieder meldete sich auch Neugierde auf ihr künftiges Leben und sie spürte auch Stolz, dass ihr zugetraut wurde, nun für sich zu schauen. Sie schwor sich, ihre Familie oft zu besuchen und viel an sie zu denken.
Sophie Grütter war eine strenge Lehrmeisterin, der Sorgfalt bei allen Tätigkeiten und beim Umgang sowohl mit Sachen wie mit Menschen das oberste Anliegen war. Sie anerkannte Annas Bemühen, ihre hohen Anforderungen zu erfüllen und leitete sie mit ihrer aufrichtigen Art gründlich an in ihrem Handwerk an. Mit ihrer Auswahl der neuen Lehrtochter war sie zufrieden. Da der Weg nach Willisau mehr als eine Stunde Fussmarsch bedeutete, erhielt Anna bei Fräulein Grütter ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Ebenso ass sie alle Mahlzeiten mit ihrer Ausbildnerin zusammen. Sophie Grütter war verschlossen und die beiden verbrachten viele schweigsame Stunden miteinander.
In der Schneiderwerkstatt hielt sich Anna gerne auf. Die vielen verschiedenen Stoffarten mit den unterschiedlichen Farbtönen gefielen ihr. Sie machte ihre Arbeit recht gerne und da häufig Kundinnen vorbeikamen, gab es viel zu beobachten. An den kurzen Abenden fühlte Anna sich einsam. Schliesslich begann sie aus kleinsten Stücklein Restenstoff, dies sonst weggeworfen worden wären, kleine Figürchen zu nähen. Wenn es das Wetter erlaubte, setzte sie sich dazu auf die Hintertreppe des kleinen Häuschens, wo sie mit Sophie lebte. Diese trat eilig zu herzu, als sie Anna am Nähen entdeckte. Als sie sich vergewissert hatte, dass Anna nicht etwa noch brauchbare Stoffresten verwendete und sie überdies mit schon einmal benutzten Fadenstücken arbeitete, liess sie Anna wortlos gewähren. Die kleinen Wesen, die unter ihren Händen entstanden, wollte Anna ihren kleinen Geschwister als Ueberraschung beim nächsten Besuch heimbringen.
Ihre jüngeren Schwestern und Brüder wunderten sich sehr über Annas Geschenk. Anna führte ihnen vor, wie die seltsamen Püppchen zum Leben erweckt können. Sie liess sie herumlaufen, sich hinlegen und sprach mit verstellter Stimme für die einzelnen. Das entzückte ihre Geschwister zutiefst. Von nun spielten sie stundenlang mit den Figuren. Sie bauten ihnen Bewohnungen, gaben ihnen zu essen und trinken und entdeckten immer wieder neue Möglichkeiten.
Anna behielt die Gewohnheit bei, Puppen aus kleinsten Stofffetzen herzustellen. Darüber vergass sie ihr Alleinsein etwas. Sie gab ihnen Namen und oft unterhielt sie sich mit ihnen. Kindern, die in der Nähe von Sophies Haus spielten und die sich manchmal um Anna scharten, wenn sie auf der Hintertreppe sass, überliess sie freigebig von ihren Werken. Die Nachbarsfrauen fanden, Anna sollte doch an ihrer Ausssteuer nähen anstatt ihre Zeit mit Unnützem zu vergeuden. Sophie gab ihr weissen Leinenstoff und zog die Ausgaben dafür von ihrem bescheidenen Lehrlingslohn ab. Mit gewichtiger Miene unterwies sie Anna, Küchenwäsche anzufertigen. Obwohl ihr ihre Lehrmeisterin versicherte, dass sie diese Wäsche für sich behalten dürfe, weckte diese Arbeit in Anna einen tiefen Widerstand. Sie hatte es viel schöner gefunden, ihrer Phantasie ihren Lauf zu lassen und die Gestalten, die so entstanden hatten sie überrascht, erfreut und getröstet. Die Küchentücher liessen sie gleichgültig und sie arbeitete selten daran. Stattdessen gewöhnte sie sich an, am Abend kurze Spaziergänge zu machen. So lernte sie Nachbarsmädchen kennen, die in ihrem Alter waren. Sie erfuhr allerlei über das Leben der Nachbarn und über die Leute in der kleinen Stadt. Anna hörte gerne zu, aber sie erzählte wenig von sich.
Nach der Lehrzeit blieb Anna noch ein Jahr bei Sophie Grütter angestellt. Diese Lösung war für Fräulein Grütter aber zu wenig rentabel. Anna musste einer neuen Lehrtochter Platz machen und sie ging wieder auf den Hof zurück.
Anna genoss das Zusammensein mit Eltern und Geschwister und verbrachte eine unbeschwerte Zeit mit ihnen. Anna machte sich nützlich, half überall mit und flickte die Kleider. Für ihre Mutter und ihre Schwestern nähte sie aus Stoff, den sie von der Lehrmeisterin als Abschiedsgeschenk erhalten hatte, weisse Blusen mit bestickten Zierborten. So wohl es ihr war auf dem heimatlichen Hof, so klar war ihr, dass sie bald wieder weggehen wollte. Ihr Platz war nicht mehr hier, wo sie auf kleinem Raum aufeinandergedrängt lebten. Sie hatte Selbständigkeit und ein Gefühl für Eigenverantwortung entwickelt und sie wollte mit dem Gelernten ihr eigenes Geld verdienen. Ihre Eltern unterstützten sie bei diesem Vorhaben so gut sie konnten. Schliesslich liess sich richten, dass Anna in einem weiter entfernten Dorf im Haus eines Schwester des Vaters, die kleine Wohnung der kürzlich verstorbenen Schwiegermutter übernehmen konnte. Die Tante gab ihr sofort einen Auftrag und vermittelte ihr weitere in der Nachbarschaft. Anna erkannte bald, dass ihre Kundinnen in dieser dünn besiedelten Gegend kaum Zeit fanden, den Weg in ihre Werkstatt auf sich zu nehmen und ihr lieber ihre Näharbeiten in ihrem Zuhause zuhielten. Mit dem hatte Anna nicht gerechnet, aber es blieb ihr nicht viel anderes übrig als auf diese Wünsche einzugehen.
Anna gewöhnte sich an diese Arbeitsform und sah auch die Vorteile. Sie verdiente so viel, dass sie ihren kleinen Haushalt ausstatten konnte und kleine Beträge auf die Seite legen konnte. Sie wünschte sich eine Familie zu gründen. Einmal hatte sie geglaubt, den Mann gefunden zu haben, mit dem sich der Wunsch erfüllen liesse. Hans Hug, der Käser war von Beruf und in der Dorfkäserei arbeitete, war ihr schon länger aufgefallen. An einem Dorffest hatten sie dann zum ersten Mal miteinander gesprochen und bald war von Heiraten die Rede. Beide hatte wenig freie Zeit und es reichte nur am Sonntag nachmittag zu kurzen jedoch stürmischen Treffen. Unter der Woche sehnte sie sich nach Hans. Sie erinnerte sich in allen Einzelheiten an ihre seltenen Begegnungen und malte sich in Tagträumen ihr zukünftiges Leben mit Hans aus. Sie flüsterte seinen Namen vor sich hin und spürte wie die Zellen ihres Körpers sofort daraufreagierten.
Als auf einem der Höfe, wo Anna seit längerem regelmässig arbeitete, begann die Bäuerin bei der Anprobe einer neuen Jacke von Hans Hug zu sprechen. Er sei der Sohn einer entfernten Verwandten ihres Mannes. Wie sie kürzlich vernommen habe, sei er leider immer noch der gleiche Angeber und Schürzenjäger, dem nicht zu trauen sei wie früher. Anna hielt den Atem an. Sie wollte niemanden wissen lassen, wie ihr diese Worte zusetzten und stichelte mit flinken Bewegungen an der Jacke weiter. Als sie sich endlich in ihr Zimmer zurückziehen konnte, fand sie nicht mehr aus ihrer Betäubung heraus. Zu allem was Hans gesagt und getan hatte, wenn sie beisammen gewesen waren, hatte sie ja sagen können. Sie hatte diesen Mann ohne Einschränkungen geliebt und jetzt diese Anschuldigungen. Die Bäuerin war nicht eine, die grundlos über andere hart urteilte. Anna schloss die Augen und sah Hans vor sich. Was war er eigentlich für ein Mensch. Sie hatte einem Mann Vertrauen geschenkt, den sie gar nicht richtig kannte. Hatte sie sich täuschen lassen? Ein tiefer Seufzer kam aus ihrer Brust und über ihr Gesicht legte sich Anspannung.
Am folgenden Sonntag besuchte Anna ihre Eltern. Ihre Mutter bemerkte sofort, dass das Leuchten, dass seit einigen Wochen auf dem Gesicht der Tochter gelegen war, ausgelöscht worden war. Bevor Anna wieder aufbrach, gingen Mutter und Tochter an den Bach und folgten schweigend seinem Lauf. Anna spürte das Mitgefühl der Mutter und konnte endlich in Tränen ausbrechen und von ihrem Leid erzählen. Bei der Verabschiedung strich ihr der Vater liebevoll über den Arm.
Die Anteilnahme der Familie tat Anna gut und sie fühlte sich ein wenig stärker als vorher. Anna beschloss, sich einer Bekannten, von der sie annehmen konnte, dass sie Hans Hug gut kannte, anzuvertrauen. Es war so, wie sie geahnt hatte. Hans Hug hatte keinen guten Ruf. Sie war nicht die einzige, der er Hoffnung gemachte hatte und die Bekannte riet ihr, sich von ihm zurückzuziehen.
Nach dieser Enttäuschung sah die Welt für Anna anders aus.
Ein Jahr später, als sie auf einem abgelegenen Hof ihrem Handwerk nachging, traf sie den jüngeren Bruder des Bauern an, der seine Arbeit als Schreiner hatte unterbrechen müssen, da er sich seit längerer Zeit unwohl fühlte. Anna fühlte sich von Ernst angezogen und leise Hoffnung begann sich in ihr zu regen. In seinem Blick sah sie ein kurzes Aufleuchten, wenn sie sich begegneten. In seiner Körperhaltung und seinem Gesichtsausdruck drückte sich jedoch auch etwas Abgewandtes aus, als ob ihn noch etwas ganz anderes beschäftigen würde. An ihrem letzten Tag erkannte sie, dass Ernst sehr krank war und vermutlich die Auszehrung hatte. Er würde nicht mehr lange leben.
Nach dieser zweiten schmerzlichen Erfahrung gewöhnte sich Anna an, oft in den Wald zu gehen. Dort fand sie Trost. Die Natur war ihr vertraut und ihre Beständigkeit tat ihr gut. Im Wald spürte sie wie lebendig auch sie war und wie es sie wieder unter die Menschen zog.
Bald hatte Anna einen weiteren Schlag zu verkraften. Ihre Mutter starb ganz unerwartet. Ihr älterer Bruder hatte sie geholt, als das Fieber, das bei der Mutter aufgetreten war, nicht mehr zurückging und mit dem Schlimmsten gerechnet werden musste. Anna konnte noch eine Stunde am Bett der Mutter sitzen. Das Fieber hatte die Mutter sehr geschwächt. Sie hatte gerade noch die Kraft ihren Blick auf ihre Lieben zu richten und ihnen Gottes Segen zu wünschen, bevor sie starb. Anna blieb noch einige Tage beim Vater. Der älteste Sohn und seine Frau würden nun den Hof übernehmen und Anna half mit, für den Vater ein Zimmer im ersten Stock der Bauernhauses einzurichten.
Es ging auf den Winter zu und Anna verbrachte nun die Sonntage allein. Unter der Woche war sie in fremden Häusern, wo sie sich den jeweiligen Gewohnheiten fügte. Je nachdem wurde sie sich selber und ihrer Arbeit überlassen und hatte wenig Austausch mit den Bewohnern oder es kam während und neben der Arbeit zu Gesprächen und Scherzen. Hie und da wurde sogar gesungen. Am Sonntag verzog sich nach der Sonntagsmesse in ihre vier Wände. Sie dachte an ihre Mutter, hielt Rückschau auf ihr Leben und sinnierte über das Leben nach. Dabei entstanden unter ihren Händen kleine Figuren aus Stoffabschnitten, mit denen sie redete und denen sie Eigenschaften zuordnete. Niemand stand ihr so nahe, so dass sie sich hätte anvertrauen könnnen. Ihre Geschwister traf sie selten. Alle arbeiteten wie sie hart für ihr tägliches Brot. Die meisten von ihnen hatten inzwischen Familien gegründet und von Anna wurde angenommen, dass sie wohl unverheiratet bleiben würde.
Im Februar hielt sich Anna wie jedes Jahr um diese Zeit bei der Bauernfamilie Rogger auf. Sie fühlte sich wohl bei den Menschen auf diesem schönen Hof, die zufrieden wirkten und sich und anderen etwas gönnten. Es wurde gut gegessen es wurde Zeit genommen, Worte zu wechseln miteinander. Anna lebte auf. Sie wurde offener und lachte über die Spässe des Mannenvolkes. Der Bauer war ein humorvoller Mann gegen die fünfzig, der es liebte, wenn es fröhlich zuging. Da dieses Jahr die Fasnachtszeit in Annas Aufenthalt fiel, wurde sie auch zum Fasnachtsessen eingeladen, das regelmässig vor dem Beginn der Fastenzeit stattfand. Die Tischrunde war in Hochstimmung. Die Fröhlichkeit riss Anna mit und sie lachte viel wie schon lange nicht mehr. Der Bauer bemerkte ihre Veränderung und tat sein Bestes, um so noch mehr zum Leuchten zu bringen. Kurz vor Mitternacht begann die Bäuerin abzuräumen, die Männer gingen hinaus und die Frauen brachten die Küche in Ordnung. Als Anna durch den dunklen Hausgang des oberen Stockes zu ihrem Zimmer lief, begegnete ihr der der Bauer. Der Bauer lächelte sie an und sagte: Du bist heute so lebendig Anna. Das Festen tut dir gut. Anna nickte und wünschte Gute Nacht. Bauer Rogger nahm ihre Hand. Du bist mir ans Herzen gewachsen (wie Holunderwein), sagte er und schaute sie lange an. Anna blickte in seine Augen, zuerst ernst dann mit einem zögernden Lächeln, dann wieder ernst und forschend. Von unten herauf kamen schwere Schritte und der Bauer liess mit einem Nicken ihre Hand los und ging auf die Treppe zu. In ihrem Zimmer legte sich Anna etwas benommen aufs Bett. Sie schaute an die Decke und lauschte ihrem Herzklopfen. Sie lächelte versonnen und fing an, ihren Körper zu dehnen und ihn in die Matratze zu schmiegen. Sie umschlang sich mit ihren Armen und schüttelte sich leicht. Schliesslich schlief sie ein. Bauer Rogger und Anna tauschten während des Mittagessens einige Blicke. Anna sass aufrecht da und beteiligte sich vergnügt an der Unterhaltung, in der der gestrige Abend nochmal durchgegangen und gerühmt wurde. Am Nachmittag wollte Anna eigentlich, ihre Arbeit beenden und noch am gleichen Abend nachhause gehen. Als Bauer Rogger kurz in der Kammer auftauchte, um ihr adieu zu sagen, war sie nicht erstaunt und sie lächelte ihn vertrauensvoll an. Er flüsterte ihr zu, dass er wünschte, sie könnten einmal längere Zeit allein und ungestört zusammen sein. Dann verschwand er wieder.
Das folgende Jahr verlief eintönig. Anna mischte sich zwar mehr unter die Leute als in der Zeit nach der Erfahrung mit Hans, aber sie traf keinen einzigen sie anziehenden Mann mehr. Sie unterhielt sich mit den Kundinnen, den Nachbarsfrauen, mit den Kirchgängerinnen und besuchte ihre Geschwister und war trotz allen Bemühungen häufig allein.
Sobald die Zeit näher rückte, wieder zum jährlichen Besuch auf dem Bauernhof der Familie Rogger zu erscheinen, hatte Anna häufig das Bild des Bauern vor sich. Sie schüttelte über sich selber den Kopf. Der Bauer war doch einige Jahre älter als sie und vor allem war er verheiratet und Vater eines fast erwachsenen Sohnes. Aber sie gestand sich ein, dass sie sich auf das Wiedersehen freute. Da war ein Mann, der in ihr nicht nur die Schneiderin gesehen hatte, sondern sie als Frau wahrgenommen hatte. Er schien ebenso wie sie eine tiefe Sehnsucht nach Liebe in sich zu tragen und der drängende Wunsch, diesem Sehnen zu erlauben, an die Oberfläche zu kommen. Anna wusste, dass von ihr Zurückhaltung erwartet wurde. Aber sie wollte spüren, dass sie begehrt wurde und sie wollte ihre Lebendigkeit wieder einmal jemandem zeigen.
Der Bauer war der erste Mensch, der ihr begegnete, als sie gegen den Hof zulief. Er lächelte sie mit warmen Augen an und hiess sie willkommen. Er fragte sie, wie es ihr gehe und erzählte ihr, dass er vor kurzem ihren Bruder kennengelernt habe. Dieser habe ihm eine Kuh abgekauft. "Du siehst schmal aus. Wir werden dich füttern und zum Lachen bringen," meinte er schliesslich und zog mit seinem Pferd in die Gegenrichtung weiter. Anna lächelte bei sich. Ja, Fröhlichkeit würde ihr gut tun. Die Bäuerin empfing sie ebenfalls freundlich und sie besprachen gemeinsam die Aufträge für Anna. Die Bäuerin war eine ruhige Frau und galt als sehr gläubig.
Wie der Bauer angekündigt hatte, wurde beim Nachtessen viel gelacht. Er war bei glänzender Laune und steckte alle mit seiner Ausgelassenheit an. Anna bemerkte wie die Bäuerin dem ganzen Treiben etwas missbilligend zuschaute. Sie mochte dann aber doch der Runde, die den ganzen Tag hart gearbeitet hatte, zugestehen, etwas aufschnaufen zu können und sich ein wenig gehen zu lassen. Anna ging in heiterer Stimmung auf ihr Zimmer und schlief bald ein. Am Morgen wurde sie von einem Geräusch an der Tür geweckt und sie hörte, wie leise ihr Name gerufen wurde. Sie wusste sofort, dies musste der Bauer sein und ohne zu überlegen, stieg sie aus dem Bett und öffnete die verschlossene Kammertür. Der Bauer schlüpfte hinein und zog sie in seine Arme. Anna schmiegte sich an und umschloss den Bauer mit einem leichten Stöhnen fest mit ihren Armen. Sie begannen sich leidenschaftlich zu küssen. Langsam bewegten sie sich auf das Bett zu und sanken auf die Matratze.
Der Bauer kam auch die folgenden Morgen zu Anna ins Zimmer. Während des Tags war sie heiter. Sie hatte weder Bedenken noch überlegte sie Auswirkungen auf die Zukunft, sondern dachte die ganze Zeit an ihr Zusammensein, an die starke Kraft, die sie aneinanderdrängte, an die Zärtlichkeiten, die Gespräche. Den ganzen Tag freute sie sich auf das nächste Treffen.
Am letzten Morgen, als der Bauer bei ihr war, wurde Anna plötzlich von grosser Verzweiflung gepackt. Erst jetzt, kurz vor dem endgültigen Auseinandergehen, wurde ihr gewahr, dass sie sich lange nicht mehr sehen würden. Ebenso wie sie sich vorher ihren Gefühlen und ihrer Erregung überlassen hatte, gab sie sich ganz ihrer Trostlosigkeit hin. Der Bauer stammelte fortwährend, dass er sie liebe, aber dass er nichts an der Situation ändern könne. So viele Menschen seien von ihm abhängig. Er könne ihr nichts versprechen, obwohl ihm dies fast das Herz zerreise. Er habe sie so gerne gewonnen, sie sei ihm so wichtig geworden, wie kein anderer Mensch in seinem Leben. Unaufhörlich streichelte er Anna und bat, stark zu sein. Vielleicht habe er Unrecht getan, er hätte sie nie berühren dürfen. "Nein", rief Anna, "was immer passiert, ich bin froh, dass wir beieinander waren. Ich werde es mein Leben lang nie vergessen." Die beiden mussten sich trennen. Anna hat nur noch wenig Arbeit zu erledigen und verliess vor dem Mittagessen den Bauernhof.
Einige Wochen später spürte Anna, dass sie schwanger war. Darüber war sie kaum erstaunt, sie hatte damit gerechnet. Sie freute sich auf das Kind. Wenn sich trübe Gedanken meldeten, strich sie auf die Seiten. Ja, ihren guten Ruf würde sie bei manchen Menschen verlieren. Mit etwas Hilfe und Beistand würde sie es jedoch schaffen, das Kind aufzuziehen. Erst ein paar Wochen später vertraute sich Anna ihrer Schwester an. Diese war so entsetzt, dass Anna ganz durcheinander geriet. Es war doch ein Kind der Liebe. Wieso tischte ihre Schwester so viele Bedenken auf. Anna wusste, dass es mit ihren kleinen Ersparnissen nicht lange reichen würde, Miete und Esswaren und anderes zu bezahlen. Aber sie würde sich einschränken und sie würde versuchen, bald wieder Aufträge zu übernehmen. Sie glaubte an sich. Aber sie war darauf angewiesen, dass sie in ihrer Zuversicht von jemandem unterstützt wurde. Falls ihr niemand beistehen würde, konnte es für sie schwierig werden. Anna zeigte ihrer Umgebung, dass sie in Erwartung war. Sie sah keinen Grund zu verstecken, dass sie Mutter werden würde. Die Leute um sie herum reagierten peinlich berührt oder mit leichter Verachtung. Ganz wenige Menschen deuteten an, dass sie ihr weiterhin gut gesinnt seien. Darunter war ihre ehemalige Lehrmeister Sophie Grütter. Sie nickte ihr mit einem leichten Lächeln zu und bot ihr an, ihr Aufträge zu vermitteln.
1876 kam meine Grossmutter auf die Welt. Sie wurde Marie genannt. Die Dorfhebamme war Anna bei der Geburt beigestanden. Langsam erholte sie sich von der recht schwierigen Geburt. Das Kind hatte sich Zeit gelassen, sich vom Mutterleib zu trennen. Nun hatte Anna ein eigenes Kind. Sie betrachtete es mit einem zärtlichen und stolzen Lächeln. Wenn sie und der Bauer nicht zusammengekommen wären, gäbe es Marie so wie sie sich ihr zeigte nicht. Sie war einmalig und Anna versprach ihr, alles für sie zu tun.
Die kleine Marie war ein zufriedenes Mädchen und gedieh gut. Als sie etwas einjährig war, erschien eines Abends ihr Vater, der Bauer Hans Rogger. Er berührte zärtlich seine Tochter und übergab Anna eine Geldsumme. Anna und er hielten Abstand voneinander. Sie bemerkte seine sehnsüchtigen Blicke und sie spürte wie ihre Gefühle für ihn aufflammten. Aber jetzt gab es Marie in ihrem Leben und sie hatte eine grosse Verantwortung übernommen. Anna dachte jetzt viel an ihre Zukunft. Sie musste einteilen, rechnen, Wege suchen, um zu überleben mit Marie. Erfreulicherweise steckten ihr hie und da die Tante, neben der sie wohnte, und andere Dorfbewohner Esswaren zu. Anna nähte nun zuhause. Sie hatte so weniger Einnahmen, aber Marie blieb so stets in ihrer Obhut.
Als Marie fast vierjährig war, wurde Anna ernsthaft krank. Sie fühlte sich schwach und elend. Marie war noch ganz auf sie angewiesen und es quälte Anna unsäglich, zu sehen wie das kleine Mädchen ohne sie noch einfach nicht zurechtkommen konnte. Hie und da kam die Tante vorbei oder eine Schwester nahm den langen Weg auf sich, Marie und Anna zu versorgen. Anna war verzweifelt. Es ging nicht mehr so weiter, sie gewann ihre Kräfte nicht mehr zurück und Marie hatte sich verändert. Sie sass stundenlang bei der Mutter am Bett. Ihre Augen hatten an Glanz verloren und ihr kleines Gesichtchen hatten einen ernsten Ausdruck erhalten. In der Nacht schluchzte Anna vor sich hin.
Der Dorfarzt war schon zweimal bei Anna vorbeigekommen. Er gab ihr Mittel und er schickte eine Krankenschwester vorbei. Aber es trat auch nach zwei Monaten keine Besserung ein. Eines Abends kam wieder der Bauer vorbei und er schlug Anna vor, Marie zu sich nachhause zu nehmen. Seine Frau sei einverstanden. Sie wisse, dass er Maries Vater sei und sie habe versprochen, gut zu dem kleinen Mädchen zu sein. Anna brach in ein heftiges Weinen aus. Marie, der Mittelpunkt ihres Lebens, sollte von ihr weggehen. Gleichzeitig wusste sie, dass dies die einzige Lösung war. Marie würde bei ihrem Vater sein, dem sie vertraute. Wenn sie länger zuwartete, gab es die Gefahr, dass Marie zu Menschen kam, die weniger an ihr interessiert waren. Anna nickte Bauer Rogger zu und flüsterte ihrer kleinen Tochter zu: "er ist dein Vater. Er ist gut zu dir." Der Bauer hielt Annas Hand fest in der seinen und blickte sie und seine Tochter traurig an. "Ich werde sie morgen abholen", sagte er schliesslich und verabschiedete sich schnell.
Anna war wieder allein. Es wäre ihr recht gewesen zu sterben. Doch ganz allmählich wurde sie wieder gesund. Inzwischen war es Frühling geworden und Anna lief oft dem Bach entlang, der unweit ihres Hauses vorbeischlängelte und der sie an zuhause erinnerte. Sie dachte oft an ihre Eltern. Ihr Vater war bald nach der Mutter ebenfalls gestorben. Ihre kleine Tochter war nun schon ein halbes Jahr bei ihrem Vater. Anna war wieder allein. Sie überlegte sich fieberhaft Wege, ihre Lage zu verbessern und zu sichern, um Marie wieder zu sich nehmen zu können. Eine feste Anstellung annehmen, einen seriösen Mann heiraten, wieder auf die Stör gehen und Marie mitnehmen? Abgesehen davon, dass weit und breit kein heiratswilliger Mann vorhanden war und die Möglichkeit als Frau mit Kind angeheuert zu werden, sehr klein war, musste sich Anna eingestehen, dass ihre Gesundheit seit ihrer langen Krankheit angeschlagen war.
Als Anna sich stark genug dafür fühlte, wanderte sie an einem Sonntag in die Gegend, wo nun ihre kleine Tochter lebte. Seit dem erzwungenen Abschied von Marie hatte sie nichts mehr von ihr gehört. Sie hielt Abstand vom Bauernhaus, da sie mit ihrem unverhofften Auftauchen keine Verwirrung stiften wollte. Im Schutz einer kleinen Baumgruppe stand sie lange und versuchte einen Blick auf Marie zu erhaschen. Dabei liefen ihr unaufhörlich die Tränen über die Wangen. Einmal sah sie kurz einen Blondschopf. War dies Marie? Ging es ihr gut? Durfte sie es wagen, sich ihr zu zeigen? Anna war unschlüssig. Sie war froh gewesen über die Bereitschaft der Bauernfamilie für Marie zu sorgen. Noch war ihr Gesundheitszustand zu zerbrechlich, um ernsthaft daran zu denken, Marie heimzuholen. Ganz aufgelöst in ihren Schmerz machte sich Anna auf den Heimweg. In der Nacht darauf hatte sie einen Rückfall und sie musste den ganzen Montag fiebrig im Bett bleiben.
Erst etliche Monate später war es Anna möglich, den Weg zum Bauernhof der Roggers nochmals auf sich zu nehmen. Diesmal wagte sie sich näher ans Gehöft zu gehen. Sie hatte Glück. Nach kurzer Zeit kam Marie mit einem Kessel Wasser vor das Haus und begann den Vorplatz zu fegen. Sie tat ihre Arbeit mit Eifer und für ein so kleines Mädchen schon sehr geschickt. Etwas später zeigte sich die Bäuerin unter der Türe. Die beiden sprachen miteinander. Unwillkürlich trat Anna näher zu den beiden. Sie wollte ihre Gesichter erkennen, sie wollte sich vergewissern, dass die Bäuerin Marie gut gesinnt sei. Plötzlich spürte Anna den prüfenden Blick der Bäuerin auf ihr ruhen. Sie meinte Unwillen und Abwehr bei ihr zu erkennen. Vielleicht wurde sie für eine Streunerin gehalten und es schien ihr ratsam, sich davonzumachen. Im Schutze des Waldes setzte sich Anna auf einen Stein. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was sollte sie tun? Marie schien sich eingelebt zu haben. Auf dem Bauernhof war sie wohl besser aufgehoben als bei ihr, die vom Hand in den Mund lebte und vielleicht nie mehr wieder ganz zu Kräften kommen würde. Es zerriss ihr fast das Herz. Hiess es, auf ihre Tochter fortan zu verzichten oder gab es noch Möglichkeiten, wieder zusammen zu kommen?
Anna überlegte sich in den folgenden Wochen, ihren älteren Bruder zu bitten, mit Bauer Rogger zu sprechen. Die beiden kannten sich. Sie brauchte Nachricht von Marie. So konnte sie nicht weiterleben. Anna war nicht sicher, ob ihr Bruder wusste, wer der Vater der kleinen Marie war und wie er auf ihr Anliegen reagieren würde. Zudem hatte ihr Bruder sehr viel Arbeit und eine Frau, die sehr darauf achtete, dass er seinen Pflichten nachging. Nein, dieser Weg war zu gewagt. Sie wollte das Ganze selber in die Hand nehmen. Am kommenden grossen Markttag passte Anna dem Bauer Rogger ab. Etwas verdutzt blieb er stehen, als sie ihn gegen den Abend bei seinem Namen rief. Sein Gesicht wurde freundlich, als er sie erkannte und sie schritten nebeneinander weiter. Anna fragte sofort nach Marie. Der Bauer lobte das kleine Mädchen, es sei ausgeglichen und arbeitssam. Es habe die Mutter schon vermisst, aber jetzt schicke es sich gut in die neuen Verhältnisse. "Ist die Bäuerin gut zu ihr?" fragte Anna schnell. Der Bauer bejahte dies. Alle hätten Marie gerne. Es gehe ihr wirklich gut, sie solle sich keine Sorgen machen. "Aber ich möchte Marie später wieder zu mir nehmen", sagte Anna mit fester Stimme. Der Bauer blickte sie verwundert an und meinte, sie könne das Mädchen nicht schon wieder verpflanzen, das tue ihm nicht gut. "Aber ich will sie doch nicht verlieren", beschwörte ihn Anna und packte seinen Arm. Knapp antwortete der Bauer, dass bei ihm Marie ein Leben habe, dass sie ihr nie bieten könne. Es tue ihm leid für Anna, es sei hart für sie, aber wenn sie wirklich das beste für ihre Tochter wolle, solle sie sie bei ihm aufwachsen lassen. Anna fühlte wie ihre Beine schwach wurden und verabschiedete sich schnell und lief auf den Wald zu, den sie auf ihrem Heimweg zu durchqueren hatte. Kaum war sie im Schutz der Bäume angekommen warf sie sich auf den Boden und weinte bitterlich. Die Vorstellung, sich endgültig von ihrem eigenen Kind trennen zu müssen, war grausam. Ihre Mutterschaft war so kurz gewesen. Sie konnte diesen Schlag nicht annehmen. Sie wollte weiter kämpfen. Da wurde ihr wieder einmal bewusst, wie allein sie da stand. Da tauchte das Bild von Sophie Grütter in ihr auf. Sie war der einzige Mensch, der sie in den letzten Jahren sowohl mit Worten wie mit zugehaltenen Aufträgen zuverlässig unterstützt hatte.
Am folgenden Sonntag besuchte Anna ihre ehemalige Lehrmeisterin. Sofort fiel ihr auf, wie gebrechlich diese in kurzer Zeit geworden war. Dies war nicht mehr die aufrechte, kämpferische Frau, die sie noch vor kurzem gewesen war. Anna schilderte Sophie Grütter ohne lange Einleitung ihre Probleme. Das Augenwasser trat bald in deren Augen. Nachdem Anna in ihrem Bericht innegehalten hatte, stützte Sophie ihren Kopf schwer in ihre Hände. "Anna, mir geht es nicht gut. Ich bin krank. Weisst du, ich habe einige Frauen erlebt, die ihr Kind allein aufziehen wollten. Es ist so selten gut herausgekommen. Die Entbehrungen und das Leiden sind zu gross. Lasse das Kind bei seinem Vater. Die Menschen, die die Umstände kennen, würden dich verurteilen, wenn du Marie wieder herausreissen würdest aus der Familie Rogger. Sie hat einen guten Namen." Sophie stockte. Sie hatte so lange gesprochen wie sonst selten und war nun ganz erschöpft. Anna blieb bei ihr sitzen, ganz in Gedanken verloren. Ja, alle würden denken, sie habe ihrer Tochter das Leben unnötig erschwert, wenn sie sie wieder zu sich nehmen würde. Die Umstände ware alle gegen sie. Als Sophie sich wieder etwas erholt hatte, forderte sie Anna auf, zu ihr zu ziehen. So könne sie sich ihre Miete sparen und hier im Städtchen würden sich auch mehr Aufträge ergeben. Anna sagte sofort zu. Der Vorschlag liess in ihr die Hoffnung wieder aufflammen, vielleicht später doch noch mit ihrer Tochter zusammen zu leben.
Anna pflegte Sophie bis zu ihrem Tod. Neben der recht aufwändigen Pflege nähte sie für die Bewohner der kleinen Stadt. Ihr Leben verlief nach aussen sehr ruhig. In Anna brodelte es noch immer. Sie hatte noch nicht ganz aufgegeben. Sie versuchte Geld auf die Seite zu legen. Da sie das kleine Haus von Sophie geerbt hatte, hatte sie keine Mietausgaben mehr. Darüber war sie froh und sie war Sophie sehr dankbar für ihre Grosszügigkeit.
Hie und da hielt es Anna nicht mehr aus in dem kleinen Haus. Etwas in ihr brauchte Platz und viel Luft. Nach Anbruch der Dämmerung ging sie oft in den Wald. Im Inneren des Waldes befand sich eine Lichtung. Dieser Ort hatte eine grosse Anziehungskraft auf Anna. Sie sass meistens länger als eine Stunde auf einem umgelegten Baumstamm, lauschte der Stille und sog die würzige Luft ein. Hier fühlte sie sich wohl und geborgen. Sie war Teil der Umgebung und die alltäglichen Sorgen waren weit weg. An diesem Platz fühlte sie sich mit Marie in einer Weise verbunden, wo es keine Vorhaltungen mehr gab, nur Nähe, Annahme und Trost. Immerhin hatte sie ihr das Leben geschenkt. Nichts und niemand konnte sie ganz aus Maries Leben verdrängen. Sie hatte ihren Anteil daran. Dieser war gross und zugleich klein. Sie konnte sich in diesen Minuten damit zufrieden geben. Sie brauchte sich keine Vorwürfe mehr zu machen. Anna blickte zum Mond hinauf. Sein silbriges Licht tauchte die Umgebung in zauberhafte Stimmung. Da führten vielleicht Lebewesen, die den kleinen Puppen glichen, die sie früher angefertigt, ihr heimliches Leben. Alles war hier möglich und alles war gut. Von diesen nächtlichen Ausflügen kehrte Anna gestärkt nach Hause.
Anna hatte wenig Umgang mit ihren Nachbarn, da sie deren Vorbehalte ihr gegenüber gut spürte. Sie war empfindsam und verletzlich geworden und vertraute wenigen. Mit ihren Kundinnen war sie jedoch stets freundlich und entgegenkommend. Mit einigen von ihnen ergaben sich auch persönliche Gespräche. Anna war froh darüber. Sie brauchte den Anschluss an andere Menschen.
Anna war sehr überrascht, als eines Tages der Pfarrer, der Stadtarzt und ein Mitglied der Behörde bei ihr anklopften. Umständlich eröffneten ihr die drei, dass Nachbarn sich bei ihnen gemeldet hätten, weil sie bei Anna ein ungewöhnliches Verhalten beobachtet hätten. Sie gehe oft nachts weg und komme erst im Morgengrauen zurück. Dies passiere vor allem bei Vollmond. Die Männer schauten sich in ihrer Wohnung herum und der Arzt bat Anna, sich bei ihm für eine Kontrolle ihres Gesundheitszustandes zu melden.
Anna war schockiert. Fremde Leute mischten sich in ihr Leben ein. Dies war ihr unerträglich. Mühsam war sie zur Ruhe gekommen. Sie hielt ihr Häuschen in Ordnung und sorgte seit Jahren für sich selber. Dafür verdiente sie Respekt und nicht Anschwärzungen. Es fiel Anna sehr schwer, mit dieser Einmischung in ihr Leben umzugehen. Sie war ein Mensch, der Freiheit brauchte und jetzt fühlte sich darin bedroht. In den folgenden Nächten wälzte sich Anna in ihrem Bett. Wieso war sie in die Kleinstadt gezogen, warf sie sich vor. Auf dem Land wäre sie in Ruhe gelassen worden und dort hatten auch Verwandte in der Nähe gelebt. In der Stadt war sie ganz auf sich gestellt. Ihr Ruf war bereits angeschlagen, viele Einwohner wussten, dass sie eine uneheliche Tochter geboren hatte.
Anna brachte es nicht über sich, auf ihre Ausflüge in den Wald zu verzichten. Dort fand sie Zuflucht und Ruhe. Niemand konnte ihr ernsthaft etwas vorwerfen. Aber sie wusste, dass sie als alleinstehende Frau wenig Schutz hatte, wenn es in der Umgebung Menschen gab, die ihr feindlich gesinnt waren. Das Misstrauen in ihr wurde immer grösser und sie begann sich zurückzuziehen. Je enger es wurde in der Stadt umso dringlicher benötigte sie den Wald. Während des Sommers hielt sie sich fast jede Nacht für Stunden im Wald auf. Nur dort fand sie Ruhe und Frieden in ihrer Seele.
Nach der Untersuchung beim Stadtarzt stand Anna einer Reihe von Vorhaltungen gegenüber. Sie habe Atmungsprobleme, sie führe sich absonderlich auf, es sei bekannt, dass sie eine unehelich geborene Tochter habe, die bei ihr nicht gut aufgehoben gewesen sei und es bestehe die Gefahr der Verwahrlosung. Die Behörden erachteten es deshalb als notwendig, sie zur Beobachtung in die Nervenheilanstalt Sankt Urban einzuweisen. Anna erschrak furchtbar. Als sie sich etwas gesammelt hatte, unterbreitete sie den Herren von der Behörde, dass sie sich seit Jahren allein durchbringe, sie ihre Arbeit gut mache und ihr Heim sauber sei. Darauf kam die Antwort, dass dies im Moment zwar noch zutreffe, aber mit einer Verschlechterung ihrer Lage gerechnet werden müsse. Vor allem störten sich die Menschen des Städtchens an ihrem liederlichen Verhalten während der Nacht. Wahrscheinlich liege bei ihr eine Mondsucht vor.
Weder hörte Anna jemand richtig zu noch ergriff ein Mensch ihre Partei und half ihr, sich gegen die Einlieferung in der Klinik zu wehren. Sie sah keinen Ausweg mehr und liess sich schliesslich widerwillig abführen.
Die ersten Tage in der Nervenanstalt waren schrecklich. Anna blieben als einzigen Ausweg aus ihrer Lage entweder die Flucht oder der Tod. Aber sie wurde ständig beobachtet und sie beschloss, sich vorerst einmal nach aussen zu fügen, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie versuchte sich im riesigen Schlafsaal eine kleine Ecke zu ergattern, wo sie ein wenig Raum für sich haben konnte. Es war unmöglich. Am Schluss war sie froh, wenn sie ihr Bett für sich haben konnte. Nach einigen Wochen wurde ihr mitgeteilt, dass sie in der Schneiderei aushelfen könne. Dort konnte sie ein wenig aufatmen. Sie machte ihre Arbeit sehr geschickt und bald wurden ihr anspruchsvollere Aufträge zugeteilt. Anna hielt sich so lang wie möglich in der Schneiderwerkstatt auf und begann auch wieder kleine Puppen aus Stoffresten zu gestalten. Es gab sogar einige wenige Menschen, die sich für ihre Werke interessierten und sich freuten, wenn ihnen Anna kleine Figuren schenkten.
Die Monate vergingen. Anna schickte sich in ihre Lage. Es zog sie nicht in die Kleinstadt zurück, wo sie jetzt noch mehr gezeichnet war als früher. Es war ihr gelungen, sich kleine Freiheiten zu erkämpfen. Beispielsweise durfte sie jetzt auch im weitläufigen Garten aufhalten und bei leichten Arbeiten mithelfen. Die morgendliche Arbeit in der Schneiderei und der Aufenthalt im Garten am Nachmittag machten ihr Leben in der grossen Anstalt ein wenig erträglicher. Inzwischen hatte sie sich auch mit zwei Mitpatientinnen ein wenig angefreundet. Sie erzählten einander ihre Lebensgeschichten und es gab Anna etwas Trost, dass sie bei den Frauen Mitgefühl und Verständnis fand.
Nach mehr als einem Jahr wurde Anna von einem Tag auf den anderen ohne vorherige Ankündigung entlassen. Zu Fuss lief sie nach Wilisau in ihr kleines Häuschen zurück. Sie war zwar froh wieder in ihren eigenen vier Wänden zu sein, aber es fiel ihr schwer, sich auf den Gassen der kleinen Stadt zu zeigen. Jedermann wusste, wo sie das letzte Jahr verbracht hatte und sie wusste nicht, wie die Leute auf sich ihr gegenüber verhalten würden. Bald merkte sie, dass einige sie schnitten und andere sie zwar ihr Mitleid spüren liessen aber sich ebenfalls zurückhielten. Es gab wenige Aufträge und Anna konnte kaum von ihren Erträgen leben. Zweimal fand sie im Winter ein Lebensmittelpaket vor ihrer Türe. Sie hatte keine Ahnung, wer der Absender sei. Anna trachtete danach, möglichst nicht aufzufallen und ging deshalb auch regelmässig in den Gottesdienst. Nach wie vor fand sie jedoch am ehesten in der Natur ihre Ruhe. In den Abendstunden sass sie oft auf der Hintertreppe und liess in sich Bilder auftauchen von daheim, vom Bach, vom Wald, dem Garten der Anstalt. Sie verweilte bei Einzelheiten, einem mit Efeu bewachsenen Baum, einer Blumengruppe, dem Mond über den Baumwipfeln. Nur an den Sonntagen erlaubte sie es sich selber, in den Wald zu gehen und neue Kräfte zu tanken.
Als sich das Wetter verschlechterte, sass Anna stundenlang nahe bei der Feuerstelle und stellte ihre Püppchen her. Dabei war ihr Kopf leer und sie liess ihren Fingern freien Lauf. Es entstanden absonderliche Figürchen, die jedoch sehr lebendig schienen. Wie früher unterhielt sich Anna mit ihnen und sprach und lachte mit ihnen.
Das entbehrungsreiche Leben zehrte weiter an Annas Gesundheit. Sie spürte wie ihre Lebenskraft schwächer wurde. Als der Pfarrer bei ihr anklopfte und ihr vorhielt, dass oft abends aus ihrem Häuschen Gelächter und Gemurmel dringe, mochte undkonnte sie nicht viel darauf entgegnen. Der Pfarrer betonte, er meine es gut mit ihr. Er habe sich in einem Frauenkloster für sie eingesetzt und er habe erreicht, dass sie dort als Hilfskraft angestellt werde. Bedingung sei, dass sie ihr kleines Haus verkaufe und der Gewinn dem Frauenkloster, also der Kirche, übergebe. Anna willigte ein.
Anna blieb bis zu ihrem Tod im Frauenkloster. Sie fühlte sich bald recht wohl in der kleinen Welt hinter den dicken Mauern. Das Leben in der Abgeschiedenheit bleib jedoch für sie das kleinere Uebel als dasjenige in der Kleinstadt oder in der Nervenanstalt. All die Jahre vermisste sie vieles, das bunte, laute Treiben eines Marktes zum Beispiel. Es fehlten ihr auch Männer- und Kinderstimmen. Immer noch bedauerte sie es, dass sie ihre Tochter verloren hatte, dass sie längere Zeit mit einem Mann zusammenleben konnte. Auf der anderen Seite hatte sie seltsamerweise hier in der Eingeschränktheit wieder ein wenig Freiheit zurückgewonnen. Die Nonnen, von denen die meisten aus wohlhabenden Familien stammten, zogen sich oft zu ihren Anbetungen zurück und waren froh, dass die insgesamt vier als Mägde angestellten Frauen, die anfallenden Arbeiten erledigte. Anna kam den frommen Schwestern gelegen. Ihre Geschicklichkeit im Nähen und Sticken wurde geschätzt und auch gefördert. Unter der ehemaligen Aebtissin hatte Anna einen gewissen Druck verspürt, den Schleier zu nehmen. Zu diesem Schritt hätte sie sich jedoch nie entscheiden können. Immerhin durfte sie jetzt noch jeden Sonntag nachmittag das Kloster verlassen und ihre Geschwister besuchen. Der Hauptgrund war jedoch, dass Anna von sich selber fand, sie sei zu wenig zu gläubig, zu wenig fromm und sie fürchtete sich auch, dann noch abhängiger zu sein als sie schon war. Glücklicherweise war die derzeitige Aebtissin eine stolze und vornehme Frau, der die Hilfskräfte zu unbedeutend waren, um sich mit ihnen abzugeben.
Anna half oft im Garten mit, der einer Nonne anvertraut worden war, mit der sie sich gut verstand. Sie begann auch wieder, Stofffiguren anzufertigen. Die meisten Nonnen fanden diese befremdlich und schüttelten den Kopf darüber. Aber es kam auch vor, dass sie Neugier weckten und bei den Beobachtern ein gewisses Erstaunen abzulesen war.
Anna war recht zufrieden. Manchmal hoffte sie, Marie würde irgendeinmal bei ihr auftauchen. Dies geschah jedoch nicht. Anna dachte oft an sie und bat Gott, sie zu beschützen. Das war das einzige Gebet, das über ihre Lippen kam.